Von großen und kleinen Wolken

Wie an jedem Tag verließen die Wolken die Himmelspforte und flogen in die weite Welt hinaus. Große Wolken, kleine Wolken, graue Wolken, weiße Wolken – alle Formen und Farben, die das Wolkenlied kennt waren vertreten. Ganz zum Schluss huschte auch noch eine ganz kleine Wolke aus der Schleuse. Es war ihr erster Ausflug. Nie zuvor wurde sie am Morgen in die Welt entlassen. Die Wolke war natürlich aufgeregt und machte sich gleich auf die Reise. Es war ja alles neu für sie und so sog sie jede Stimmung, jedes Lüftchen, jeden Sonnenstrahl in sich auf und verstaute alles in ihrem hellen Wolkenkleid. So vollzog sie es Tag für Tag. Unsere Wolke wurde älter, aber auch größer und mächtiger. Irgendwann hatte sie so viele Eindrücke von der Welt gesammelt, dass sie schon fast nicht mehr durch die Himmelstüre passte. Früher sprach die Wolke am Abend noch oft mit anderen Wolken, aber mit der Zeit zog sie sich zurück. Sie blieb alleine und beschäftigte sich vielmehr mit den eigenen Empfindungen ihrer täglichen Kundschaft auf Erden. Die anderen Wolken distanzierten sich von ihr, dabei war unsere Wolke ziemlich gebildet. Sie wusste nahezu alles, was es so zu wissen gab. Von dunklen Mächten auf Erden, von Schand- und Missetaten, aber auch von Glück, Fröhlichkeit und Vergnügen. Eines Abends, als unsere Wolke wieder in Gedanken schweifte, kam eine kleine neugierige Wolke auf unsere große, imposante Wolke zu und fragte diese spitzbübisch: „Hallo große Wolke, darf ich die eine Frage stellen?“ Zuerst vernahm unsere Wolke das kleine Ding gar nicht. Schon lange hatte sie keine andere Wolke mehr gehört, der Klang einer wolkschen' Stimme war ihr zwar nicht völlig abhanden gekommen, aber geläufig war eine solche ihr auch nicht mehr. „Was willst du denn wissen, kleine Wolke? Soll ich dir von den großen Schlachten erzählen? Den großen Kriegen? Oder von den Bienen, die fleißig ihre Arbeit verrichten? Oder willst du etwas über die Meere wissen?“

„Nein, nein“, antwortete die kleine Wolke „ich möchte wissen, ob du schon einmal verliebt warst?“

Die große Wolke dachte nach. Sicherlich hat sie dieses Wort schon gehört. Aber was bedeutet dieses Wort noch einmal. Und vor allem, die kleine Wolke hat gefragt, ob sie, die große, allwissende Wolke dieses Gefühl selbst schon wolkennah gespürt hat. Je länger die große Wolke nachdachte, desto mehr tröpfelten ihre kleine Tränen aus den kugeligen Wolkenaugen. Doch noch ehe die Tropfen die Erde berührten, gefroren sie zu Eis. Noch nie hat eine Wolke so bittere Tränen geweint. Die kleine Wolke war völlig aufgelöst und entschuldigte sich für diese Frage, doch die große Wolke besann sich wieder. „Du kannst doch nichts dafür, mir ist nur nie aufgefallen, dass ich selbst nie Gefühle hatte. Ich war nur am Denken und Sammeln, aber selbst habe ich keine Emotionen vernommen. Glück, Freude, Liebe, Trauer, Verzweiflung – nie habe ich ein solches erlebt.“

Die kleine Wolke dachte nach und nach einer Weile hatte sie eine Idee: „Wie wäre es, wenn du morgen mit mir auf die Reise gehst? Nur wir zwei? Ich weiß nämlich, wie ich dir dazu verhelfen kann“. Unsere große Wolke willigte ein, gespannt wie die kleine Wolke ihr denn helfen könnte.

Am nächsten Tag flogen beide aus. Die Reise führte über das Riesengebirge, die sieben Meere, über Berge und Täler, über prächtige Wiesen und grüne Wälder, später über schneebedeckte Gärten und tiefgefrorene Seen. Große Städte wurden passiert und kleine Ortschaften und plötzlich – es wurde schon Abend - hielt die kleine Wolke an. „Da ist es“, rief sie freudig. „Ein kleines Bauernhaus, was willst du denn damit?“, motzte die große Wolke. „Sieh doch einmal, wirf einen Blick durch das Fenster“. Unsere Wolke ließ ihren gewaltigen Rumpf ein wenig senken und bedeckte fast das gesamte Haus, doch sie konnte gerade noch so durch das Fenster sehen. Ein Christbaum war aufgestellt, das schäbige Bauernhaus war erleuchtet. Drei Kinder saßen um den Baum herum. Sonderlich reich sah die Familie nicht aus. Auch die Geschenke hielten sich in Grenzen, doch als die Mutter ihre Sprößlinge in die Arme nahm und der Vater die Vier fotografierte, erkannte unsere Wolke zum ersten Mal im Leben, was Liebe bedeutet. Nicht die großen Taten sind es, die Liebe schaffen, auch Reichtum kann nicht das geben, was dieses so leicht zu schreibende, aber nur schwer zu beschreibende Wort, vermittelt. Die kleine Wolke flüsterte unsere Wolke ins Ohr: „Weißt du, heute ist doch Weihnachten. Das Fest der Liebe – das lässt sogar einen alten Wolkenklotz wie dich schwach werden, stimmt's?“ So etwas Freches hatte unsere Wolke selten gehört, schon gar nicht, dass eine andere Wolke sowas zu ihr sagte, doch die kleine Wolke hatte recht. „Ja, das ist richtig. Noch nie in meinem ganzen Wolkenleben habe ich etwas so schönes empfunden wie heute. Eine Familie, die zusammen sitzt und gemeinsam Weihnachten feiert und ich war dabei.“ In diesem Moment verlor unsere Wolke alle grauen Farben, die sich im Laufe der Jahre an ihr abgesetzt hatten und ein Lachen huschte über ihr Gesicht. „Weihnachten – das Fest der Liebe...und ich habe davon nichts bemerkt.“ Wieder huschte ein kleines Lachen über das Wolkengesicht. Zufrieden flogen die beiden nach Hause zurück. Und seit diesem Tag wissen wir, dass wenn sich am Weihnachtsabend das Haus in Schatten legt und eine graue-trübe Farbe den Sternenhimmel verdeckt, das nur eine dicke alte Wolke ist, die sich ein wenig von der Herzlichkeit der Menschen verzaubern lassen möchte.

9.2.10 04:52

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