Die Geschichte vom kleinen Herz

Das kleine Herz war immer da, wo es gebraucht wurde. Am rechten Fleck, es schlug stets fleißig, mal schneller, mal langsamer, aber immer zur vollsten Zufriedenheit seines Besitzers. Doch irgendwann fragte sich das kleine Herz, ob denn das alles sei. Tagein, tagaus schlagen, jede Stunde, jede Minute, nahezu jede Sekunde. Sorgen machen musste sich das kleine Herz nie. Der Besitzer ging jederzeit zur vollsten Zufriedenheit mit ihm um – das kleine Herz hatte wahrlich keinen Grund zum Verdruss. Aber da das kleine Herz doch schon immer eine Neugierde in sich trug, wollte es jetzt auch einmal wie die Faust sein, es selbst probieren, entdecken, eben auf Abenteuerreise gehe. Zuerst marschierte das kleine Herz zur Leber und fragte, wozu es denn eigentlich da sei. Die Leber wusste keine Antwort und schlief auch kurz darauf wieder ein, nachdem es ein bisschen zu viel Alkohol erwischt hatte. Auch die Niere wusste nicht, was sie antworten sollte. Schon ein bisschen enttäuscht marschierte das Herz zu den Knochen. Aber auch die Knochen konnten ihm nicht sagen, wofür es eigentlich da ist. Da wurde das kleine Herz sehr traurig. Doch das kleine Herz gab nicht auf, sie suchte alles ab, den großen Zeh, den kleinen Zeh, die Haare und die Nase, den Mund und die Ohren, doch keiner wusste, wofür man das Herz braucht. Das kleine Herz sah nur noch eine Möglichkeit; sie musste das große, allwissende Gehirn befragen. Normalerweise dürfen kleine Herzen niemals das Gehirn um einen Rat fragen; dieses Gesetz wird von Generation zu Generation, von Herz zu Herz weitergegeben, doch das kleine Herz war kein gewöhnliches Herz. Es hatte sich etwas vorgenommen: Es wollte wissen, warum man eigentliche kleine Herzen braucht. Langsam und ängstlich machte sie sich auf den Weg zum großen Gehirn. Das große Gehirn hatte gerade Hochbetrieb. Es wurde sehr wütend, als es das kleine Herz sah. „Was machst du denn hier? Du bist doch das kleine Herz! Wurde dir nicht gesagt, du sollst da unten bleiben, an deinem rechten Fleck?“ „Doch, aber ich…aber ich habe eine Frage.“ Das Gehirn schaute böse: „Eine Frage hast du? Du kleines Herz? Dir tut doch nichts weh.“ „Aber ich möchte unbedingt wissen, warum es mich eigentlich gibt. Ich schlage tagaus, tagein und das mache ich auch gerne, aber das kann doch nicht alles sein, oder?“ Da lösten sich die strengen Züge des Gehirns und er sprach mit ganz freundlicher Stimme zum kleinen Herz. „Liebes kleines Herz, das stimmt, du bist nicht nur dafür da, tagein, tagaus zu schlagen. Du hast eine ganz wichtige Aufgabe. Lass mir einen Moment, denn ich muss nachdenken und in meiner Erinnerung kramen, denn vor vielen, vielen Jahren, wurde mir diese Frage schon einmal gestellt. Das war auch so ein kleines Herz, kein altes, es war ein junges, etwa in deinem Alter. Moment…“

Und nachdem das Gehirn einige Zeit nachgedacht hatte, fing es wieder in diesem freundlichen Ton an zu erzählen. „Ich habe jetzt lange nachgedacht und ich will es dir so erklären. Du bist für die Liebe zuständig.“ „Die Liebe? Ist das etwas Schlimmes?“. Dem kleinen Herz wurde es ganz kalt und es bekam große Angst. „Nein, nein, Liebe ist…alles. Und du bist für dieses alles da. Ohne dich wäre ich nichts, die Leber nichts, der kleine Zeh nichts.“

„Und was mache ich dann, wenn ich für die Liebe da bin?“

Das Gehirn musste lachen, weil es so eine naive Frage nicht erwartet hatte.

„Du bist ein persönliches Erdbeben, eine Sturmflut, eine Springflut, Weltuntergang und Urknall zugleich. Du bist die Kraft, die unser Weltgefüge durcheinander bringen kann, du bist der Sprengstoff, der uns aus dem Gestein unserer alltäglichen Gewohnheit herausbricht, du lässt mich zu den allerschönsten und zu den selbstlosesten Opfern fähig werden und du befähigt mich gleichsam und gleichermaßen zu den abscheulichsten Schandtaten. Liebe gedeiht nur in Freiheit, sie ist immer freiwillig, wenn wir sie einzäunen, muss sie verkümmern. Ich kann sie nicht erbitten, ich kann sie nicht erzwingen, sie wird uns geschenkt oder nicht und ich kann nichts daran ändern. Sie fragt mich nicht, ob es gerade passt, wenn sie kommt, und sie fragt mich auch nicht, wenn sie wieder geht. Ich weiß nichts über ihre Dauer, sie kann lebenslänglich sein, oder flüchtig. Ich kann nur versuchen, sie zu pflegen, ich kann nur versuchen sie zu beschützten, aber sie ist mir nicht sicher. Liebe ist nicht für immer und auf Liebe gibt es keine Garantie.“

Das Gehirn glaubte selber nicht, was es gerade gesagt hatte, aber nach kurzer Besinnung war im klar, dass alles so stimmt, wie es selbst gesagt hatte. „Du, mein kleines Herz, bist also das Wichtigste für mich. Und wenn du mal genau aufpasst, höre ich ständig auf dich. Ich schau immer wieder zu dir hinab und ich versuche dir auch zu geben, was du brauchst, damit du mir auch einmal zur Seite stehen wirst. Darum brauche ich dich.“

Das kleine Herz wurde ganz rot und ihm wurde ganz warm. So etwas Schönes hatte das kleine Herz noch nie zuvor gehört. „Du brauchst mich also? Ich bin wichtig? Danke, liebes Gehirn!“

Schon machte sich das kleine Herz auf den Heimweg und sang freudig vor sich hin, sprang die Kehle hinab und freute sich über diese netten Worte.

Und manchmal, wenn die Luft voll von Lärm und Rauch ist, die Leber wieder ein Achtel Wein zu vertilgen hatte und die Uhr zwischen eins und vier steht, fragt es das kleine Herz das Gehirn, ob es denn auch wirklich noch wichtig sei.

Und dann, ja dann antwortet das Gehirn…“Ja, mein kleines Herz. Und manchmal glaube ich, denkt ein anderes kleines Herz auch an dich…zwischen eins und vier, wenn es einsam ist und sich die Frage stellt, für was es eigentlich da ist.“

9.2.10 04:51

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